Google Stadia: Zocken in der Cloud – ein erster Eindruck

Cloud Gaming. Klingt erstmal ziemlich fancy. Und tatsächlich ist auch das, was sich Google da mit ihrem neuen Service Stadia ausgedacht hat, ziemlich faszinierend.

Mein erster Kontakt mit Computerspielen war Ende der 90er, powered by DOS (ja Kids, das war ein Betriebssystem). Frogger. In meiner Erinnerung immer noch eines der großartigsten Spiele aller Zeiten. In den nächsten Jahren habe ich die „Goldene Ära der Computerspiele“ (aka Spiele, die jeder in seinem Leben schonmal gespielt hat, aka Tony Hawk Pro Skater 2, Fifa 98, Need for Speed 3: Hot Pursuit, Age of Empires) miterlebt, bis ich dann letztlich nach diversen LAN Parties beim kompetitiven Online-Gaming gelandet bin. Genauer: Counter Strike: Source (ja, ihr CS 1.6ler dreht euch ruhig im Grabe um – denn so alt müsstet ihr ungefähr sein).

Die Unterhaltungen damals drehten sich um die schnellsten Grafikkarten (die man noch besonders gut übertackten konnte), das zukunftsweisendste Motherboard, neue Prozessorgenerationen und nicht zuletzt den niedrigsten Ping (also die schnellste Internetleitung). Jeder unnötige Charaktertot, jede Inkompetenz wurde mit einem lauten „BOAR EY! DAS LAGT VOLL!“ begründet. Man passte Zeiten ab, wenn niemand anderes surfte oder installierte heimlich routing Software, sodass eher die Eltern an der langsam Internetleitung zu knabbern hatten, als man selbst.

Zeitsprung. (Hier könnte man noch diverse Backflashs über Battlefield, WoW, Dota & Co. einfügen)

Stadia – kein Tower, keine Box

Wir schreiben das Jahr 2019 und der Internetgigant Google eröffnet der Welt, motiviert von der immensen Macht des Gaming-Marktes, eine eigene Spielekonsole: Stadia. Spielekonsole? Naja, eigentlich ist das der falsche Begriff, denn statt einer X00 € teuren Box ist Stadia lediglich ein Controller. Und eigentlich nicht mal das – eigentlich ist Stadia nur ein Service. Gaming as a Service, bei dem das Device vollkommen egal ist.

Für das heimische Konsolen-Feeling wird Stadia mit einem Controller geliefert der dann zusammen mit einem Chromecast eine Konsole mimt. Die Idee ist aber dennoch, dass Stadia das Spielen Device-unabhängig ermöglichen soll und zwar durch den Gag des Ganzen: Alle Spiele werden in der Cloud gespielt. Das bedeutet, dass die Rechenleistung, die vorher noch auf den besagten X00 € Boxen abgerufen wurde, nun auf den Servern von Google stattfindet und sowohl die Eingabe des Nutzers, als auch die berechneten Bilder des Spiels via Internet hin und her getauscht werden. Aber warum mache ich mir hier überhaupt die Arbeit das zu erklären – ihr wollt doch eh lieber Videos gucken. Here you go:

Warum habe ich euch also mit dem ganzen Intro bzgl. meiner Gaming-Historie gelangweilt? Naja, weil es eben MEGA ABGEFAHREN IST, WAS DA TECHNISCH PASSIERT IST!!!11einself. Wir reden hier von rauschenden 56k Modems bis zu einem online-basierenden interaktiven 4k-Erlebnis OHNE. FUCKING. HARDWARE ZU HAUSE!!!!

Also: Der Technik-Nerd in mir fackelte nicht lange und ca. 20 Minuten nach dem Announcement lag die „Founders Edition“ (Controller + Chromecast + 3 Monate Abo) im Warenkorb. Dann begann das warten … (und testen der heimische Internetverbindung).

Stadia im Test – (erstmal) ruckelfrei

Und nun ist es da! Angekündigt von der Launch eMail und dem dazugehörigen Registrierungscode (hier gab es anscheinend bei diversen Nutzern Problem, bei mir verlief alles vollkommen korrekt) logte ich mich aufgeregt direkt am Rechner ein, starte das mitgelieferte Destiny 2 und erwartete, was ich schon bei so vielen Game- oder Service-Launches erlebte: Das irgendwas Grundlegendes nicht funktioniert. Aber wer hätte das gedacht: Der erste Test war erfolgreich. Kein Ruckeln, kein Delay, keine ernstzunehmenden Ladezeiten und ja, es ist irgendwie ein merkwürdiges Gefühl einen vollwertigen Shooter auf einem MacBook (!!!) und im Browser (!!!!!!) zu spielen.

Ok, aber zugegebenermaßen ist natürlich das Spielen über den PC nicht Kernelement von Stadia, sondern das heimische Konsolen-Feeling mit Gamepad – welches auch schon auf mich wartete (auch hier schien es ja bei vielen Probleme gegeben zu haben, die ich so nicht bestätigen kann). Nach ziemlich „normaler“ (wenn man Google Home kennt) Einrichtung und Verknüpfung von Stadia und Chromecast ging es los – und zwar lächerlich simpel.

Auch hier testete ich natürlich mit Destiny 2. Das Spiel startete ohne größere Ladezeiten, ich betrat die Spielwelt, drückte ein paar Tasten und war begeistert: Delay war kaum bis gar nicht vorhanden. Also ein paar Quests annehmen und in die ersten Kämpfe stürzen – und daaaa wurde es dann knifflig.

Statt mit der üblich überragenden Zielgenauigkeit gegen Gegnerhorden vorzugehen ( … bitte überprüft nicht meine Statistiken … ) hing ich fest, rannte und drehte mich ziellos umher. Ein kurzer Test zeigte: Die eigene Internetleitung war heillos überfordert. Das Problem: Ich habe eine 16 Mbit-Leitung. Fragt nicht, es liegt aktuell nicht wirklich in meiner Hand das zu ändern, der Fakt ist dennoch: Das reicht halt einfach nicht. Sobald mehr Bilder in kürzerer Zeit an den Spieleclient geschickt werden müssen, macht die Leitung einfach dicht. Ja, das wusste ich dank Leitungstest auch vorher, ja, ich bin sehenden Auges da reingelaufen, ja, ich werde die Leitung nun aufstocken ;).

Mehr ist manchmal dann halt doch mehr

Ok, Stadia läuft und performt auch wunderbar – wenn die eigene Leitung zeitgemäß ist. Nun kommen wir aber zu einem Punkt, der sich aktuell leider nur schwierig wegdiskutieren lässt: Die Spieleauswahl. Die ist nämlich klein … und teuer.

Während man bei PS4 und Co. Zugriff auf einen Second-Hand-Markt im Sinne von Hardcopies hat, ist man bei Stadia auf den internen Store angewiesen. Und genau so wie bei den Angeboten im Playstation Store sind die Stadia Sonderangebote zwar gut, die normalen Store-Preise allerdings meist die UVP der Spielehersteller, ergo: teuer. Zusätzlich ironisches Timing: Ich hatte mir eigentlich Red Dead Redemption 2 als meinen GoTo Stadia Titel ausgeguckt, dieser wurde allerdings gerade heute bei Amazon zum Spottpreis für die PS4 verhökert. Und Fakt bleibt letztendlich, dass Spieler nicht eine Konsole kaufen um eine Konsole zu kaufen, sondern um ihr potenzielles Lieblingsspiel zu spielen. Hier herrscht definitiv Nachholbedarf um mit den etablierten Systemen gleichzuziehen.

Fazit

Der Technik-Nerd in mir ist begeistert. Die Idee, Gaming nahtlos über verschiedene Systeme zu integrieren und via Cloud zu berechnen scheint tatsächlich zu funktionieren. Mega! Dass das Angebot einen Chromecast Ultra beinhaltet, der auch abseits der Stadia das Smart Home komplettiert ist natürlich ein netter Nebeneffekt.

Der Gamer in mir ist allerdings etwas ernüchtert. Ich mag es eine Auswahl von Spielen zu haben, spontan mal nach Angeboten stöbern zu können und Schnäppchen von älteren Spielen zu entdecken. Hier muss Stadia nachbessern und die Adaptionen von Spielen für das eigene System anziehen. Allerdings ja definitiv eine Aufgabe, die im Bereich des technisch möglichen und einfach nur eine Frage der Zeit ist.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.